Suizidprävention: Studie zeigt Handlungsbedarf in Betrieben

Psychische Belastungen im Job nehmen zu, das Suizidrisiko steigt. Fast 90 Prozent der Beschäftigten haben sich schon einmal Sorgen um Kolleg:innen gemacht. Doch oft verhindern Unsicherheit und Mythen, dass Beschäftigte Hilfe anbieten. Wir beleuchten den Zusammenhang zwischen Arbeit und Suizidrisiko und erklären, warum Hinsehen und Zuhören im Ernstfall Leben rettet.
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Das Wichtigste im Überblick

  • Während die Fehltage durch psychische Erkrankungen zunehmen und sich 88 Prozent der Beschäftigten bereits um Kolleg:innen sorgten, wird die psychische Gesundheit im Arbeitsschutz oft noch unzureichend berücksichtigt.

 

  • Die Anzahl der durch Suizid Verstorbenen nimmt weiter zu. Im Jahr 2024 waren es allein in Deutschland 10.372 Menschen.

 

  • Zu den Risikofaktoren gehören der Leistungs- und Zeitdruck, die Angst zu versagen, aber auch die Überbelastung durch Schicht- und Nachtdienste.

 

  • Nachfragen, Zuhören und das Überwinden von Unsicherheiten sind am Arbeitsplatz der erste Schritt, um Betroffenen zu helfen.
Studie: 88 Prozent der Beschäftigte machen sich Sorgen

Wer sich schon einmal Sorgen um eine Person im Kollegium gemacht hat, die psychisch belastet und erschöpft wirkte oder sich immer mehr zurückzog, der ist nicht allein. Eine Befragung des Werner-Felber-Instituts mit 558 Teilnehmenden, die vom BKK Dachverband e.V. gefördert wurde, hat sich mit diesen Fragen auseinandergesetzt. In der Befragung zum Themenschwerpunkt „Suizidprävention in Unternehmen“ gaben rund 88 Prozent an, sich bereits Sorgen um eine Person aus ihrem Kollegium gemacht zu haben. Über die Hälfte (52 Prozent) sogar schon mehrere Male.


 

Das zeigt: Psychische Belastungen treten immer wieder auf – und sind im beruflichen Alltag allgegenwärtig. Doch wird genug dagegen getan? Studien zeigen, dass Maßnahmen zur Förderung psychischer Gesundheit im Arbeitsschutz trotzdem zu wenig berücksichtigt werden.1 Dabei nehmen psychische Belastungen im Arbeitsalltag stetig zu. Laut dem BKK Gesundheitsreport 2025 stieg die Anzahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz von 2016 bis 2024 um 40 Prozent. Parallel nahmen die Arbeitsunfähigkeitsfälle durch psychische Erkrankungen im gleichen Zeitraum um mehr als ein Drittel zu.2

88
%
haben sich bereits Sorgen um Kolleg:innen gemacht.
40
%
Anstieg von Fehltagen aufgrund psychischer Erkrankungen.
Mehr als 10.000 Menschen – Suizide nehmen zu

Das ist auch gesamtgesellschaftlich spürbar. Schon 2004 ergab eine von Betriebsärzten und -ärztinnen, Fachkräften für Arbeitssicherheit und anderen Arbeitsschutzfachleuten durchgeführte Befragung, dass 39 Prozent der psychischen Fehlbelastungen dem Bereich Arbeit zugeordnet werden können.3 Für Beschäftigte, die psychisch belastet oder erkrankt sind, können diese Fehlbelastungen zumindest vorübergehend mit suizidalen Gedanken einhergehen – aber auch mit Handlungen. Statistische Daten der Allgemeinbevölkerung zeigen etwa, dass die Anzahl der durch Suizid Verstorbenen weiter zunimmt. Im Jahr 2024 waren es allein in Deutschland 10.372 Menschen. Bildlich gesprochen verschwindet jede Woche ein vollbesetztes Flugzeug mit circa 250 Sitzplätzen vom Radar.
 

Diese Zahlen sind mehr als statistische Daten. Hinter ihnen stehen Menschen, Familien und auch Arbeitskolleg*innen. Die Belastungen nehmen weiter zu. Der Leistungs- und Zeitdruck, die Angst zu versagen, aber auch die Überbelastung durch Schicht- und Nachtdienste – all das kann das Suizidrisiko am Arbeitsplatz erhöhen.4 Die Arbeit ist somit einer der größten Einflussfaktoren auf die psychische Gesundheit.

Suizidprävention: Was Unternehmen tun können

Wahrscheinlich haben sich schon viele Menschen einmal Sorgen um eine Person bei der Arbeit gemacht, die belastet wirkte, sich aber nicht getraut, nachzufragen. So geht es vielen Menschen. Beim Thema Suizidalität existieren in unserer Gesellschaft viele Mythen. Mythen, die eine Unsicherheit auslösen, jemandem zu nahe zu treten oder etwas Falsches zu sagen. Die häufig verbreitete Aussage „Wer sich wirklich umbringen möchte, erzählt es vorher keinem“ und auch die Annahme „Man sollte Suizid lieber nicht ansprechen, sonst setzt man der Person die Idee erst in den Kopf“ sind Beispiele für solche Mythen.

 

Dabei zeigen Studien, dass etwa 50 bis 80 Prozent der Betroffenen vor dem Suizid darüber sprechen oder Aspekte äußern, die auf eine Gefährdung hindeuten. Suizidgedanken sind bei einer Person vorhanden oder nicht. Eine Person anzusprechen, die belastet wirkt, setzt ihr die Idee also nicht in den Kopf. Im Gegenteil: Es ermöglicht ihr vielmehr, darüber zu sprechen – und kann den ersten Schritt in Richtung Hilfe bedeuten.

 

In Unternehmen ist es deshalb wichtig, offen über psychische Belastungen und Erkrankungen zu sprechen und Sorgen nicht unausgesprochen zu lassen. Nur durch ein offenes Gespräch kann man eine Gefährdungslage einschätzen und entsprechende Hilfe anbieten. Oft reicht es aus, ein wenig aufmerksamer zu sein, Verhaltensänderungen ernst zu nehmen und jemanden anzusprechen. Für Beschäftigte gilt es, sich zu trauen, auf ihre Kolleg:innen zuzugehen, wenn sie sich Sorgen machen. Das kann entlastend wirken. Nachfragen, reden, zuhören – all das kann am Ende Leben retten.
 

Suizidgedanken: Hilfe erhalten

Bei akuter Suizidgefahr: Notruf 112 wählen.

Telefonische Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (Tel.: 0800/111-0-111) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: Tel.: 0800/111-0-333 oder 116 111; wochentags von 14 bis 20 Uhr)

Die Deutsche Depressionshilfe listet auf ihrer Website regionalen Beratungsstellen und Kliniken auf. Zudem gibt es viele Tipps für Betroffene und Angehörige.

Über www.telefonseelsorge.de ist eine Online-Beratung möglich.

Weiterführende Infos

1
Beck et al. (2012): Gefährdungsbeurteilung bei psychischen Belastungen in Deutschland
2
BKK Dachverband e.V. (2025): Gesundheitsreport 2025
3
Paridon et al (2004): Ausmaß, Stellenwert und betriebliche Relevanz psychischer Belastungen bei der Arbeit
4
Lukaschek, Baumert & Ladwig (2016): Arbeitsplatz und Suizidrisiko – Möglichkeiten der Prävention

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